Wie setze ich das Fluss Prinzip um?

Ok, schön und gut. Einige werden meinen Überlegungen folgen und zustimmen. Ziemlich hochtrabendes Gerede. Aber wie sieht die Umsetzung aus?

Umsetzung des Fluss Prinzips:

  1. Suche täglich deine wichtigsten Einflusskreise nach Mängeln und Überfluss ab. Das sind von Dir ausgehend folgende:
    1. Eigener Körper – Geist
    2. Partner
    3. Kinder
    4. Eltern
    5. Geschwister
    6. Freunde
    7. Gruppen (Vereine, Parteien etc.)
    8. Kollegen
    9. Vorgesetzte
    10. Abteilung
    11. Firma
    12. Industrie
    13. Global

Je nach Umständen bewegst Du Dich zwischen (1) und (12) hin und her. Eben abhängig davon, wo der größte Mangel herrscht. Über die genaue Priorisierung muss jeder für sich entscheiden, aber es ist sinnvoll den eigenen Körper und Geist immer zuerst zu betrachten. Das sind schließlich die elementaren Werkzeuge, um alle anderen Sphären des Einflusses zu erreichen.

2. Woran kann es mangeln? Grob gesagt, an Energie, Wissen, Fähigkeiten, Rohstoffen, Waren, Geld (Dank)

3. Mangel entdeckst Du meist durch Schmerz – angezeigt durch Verzweiflung oder durch eine hohe Bereitschaft auf andere Dinge zu verzichten (hoher Geldpreis)

4. Frage Dich:

  • woher kommt der Mangel?
  • Was fehlt wirklich?
  • Wo fließt es ab?
  • Ist es ein Kapazitäts-, Abfluss- oder Zuflußproblem?
  • Woher könnte es zufließen?

5. Baue Kanäle

  • Muss ich irgendwo ein Hindernis einreißen um einen Abfluss zu ermöglichen?
  • Muss ich irgendwo ein Hindernis aufbauen um einen Fluss umzuleiten?
  • Kann ich geschickt Überfluss und Mangel in meinem Umfeld kombinieren?
  • Wie kann ich ein System bauen, dass den Mangel automatisch beseitigt, ohne dass ich weiterhin selber aktiv werden muss?

Baue Kanäle – den Rest deines Lebens

Was ist das Fluss Prinzip?

Unsere Welt besteht aus Energiefluss

Als Kind habe ich mir das Ziel gesetzt irgendwann mal alles zu wissen. Dieses Ziel habe ich schon verworfen. Aber es ist das Ziel geblieben die Welt um mich herum zu verstehen. Auch wenn ich weiß, dass mein Verstand eingeschränkt fähig ist alles zu erfassen. Nachdem ich verworfen hatte alle Details in allen Aspekten zu kennen, bin ich dazu über gegangen nach Prinzipien und Mustern zu suchen. Dabei habe ich mich wie in einer Pyramide immer weiter hochgearbeitet und bin einer Frage gefolgt: Welches Prinzip steht darüber? Welches Prinzip vereint zwei anscheinend unabhängige Sachverhalte? Irgendwann gelangte ich zum Prinzip des Flusses und bisher konnte ich kein höheres Prinzip mehr finden.

Welches Prinzip vereint nun alle Phänomene, die wir um uns herum beobachten? Ich glaube es ist das Prinzip des Flusses. Aber erstmal einen Schritt zurück. Als Biochemiker habe ich im Physikkurs einige elementare Dinge gelernt. Das wohl Wichtigste Gesetz für einen Chemiker ist der 2. Grundsatz der Thermodynamik. Er besagt, vereinfacht, dass eine chemische Reaktion nur geschehen kann, wenn dadurch das Universum etwas chaotischer wird. (Für nerds, hier mehr dazu). Letztlich besagt dieses physikalische Gesetz, dass ALLES was geschieht, Energie umwandelt. Egal was passiert, es kostet Energie (für nerds, hier mehr dazu was Energie wohl ist).

Was hat jetzt die Physik mit einem Lebensprinzip zu tun? Alles! Denn wir können etwas Grundlegendes über unsere Welt jeden Tag beobachten. Nämlich, dass Dinge nur spontan passieren, wenn sie „bergab“ fließen. Ein Ball rollt niemals von allein bergauf. Wasser fließt auch nicht bergauf. Ein zerbrochenes Ei heilt sich nicht spontan. Eine heiße Kartoffel wird spontan kalt, aber niemals wird eine kalte Kartoffel spontan warm. „Ja und? Ist doch klar!“. Ja, es ist so normal, dass wir es nicht mehr wahrnehmen. Wir können aber festhalten, dass in der Natur um uns herum, ja im ganzen Universum, alles “bergab” fließt. Immer nur von heiß zu kalt, von viel zu wenig. Von viel Energie zu wenig Energie.

Das Wort Energie ist sehr abstrakt. Und auch wenn es dafür physikalische Definitionen gibt, hat es auch einen esoterischen Hauch. Was Energie ist, können wir nicht richtig fassen. Aber es ist nicht falsch zu sagen, dass Energie eine Kraft ist, die Materie bewegt. Materie nenne ich alles was wir anfassen können; alles was unser tägliches Leben zu einem großen Teil ausmacht. Also Steine, Wasser, Pflanzen, Erde, Äpfel, Bierflaschen, Autos, Computer, Smartphones etc. Wenn wir uns in einer Stadt auf den Marktplatz setzen und beobachten was geschieht, dann werden wir sehen, dass ständig Materie bewegt wird. Da laufen Menschen hin und her, Tische werden verschoben und Autos fahren. Eiskugeln werden in Waffeln gesteckt und verschwinden in Mündern, dieses Eis wandert durch die Menschen und kommt irgendwann wieder ans Tageslicht. Das Gleiche sehen wir in einem Geschäft. Ware kommt rein, wird aufgeschichtet, wird gekauft, mitgenommen und zu Hause ausgepackt und verbraucht. Dinge bleiben für einen Zeitraum liegen, sammeln sich an und fließen wieder ab. Egal wo wir hinschauen, Materie sammelt sich an, fließt ab und sammelt sich woanders – endlos.

Ich bemühe die Physik nochmal, um einen weiteren Punkt zu illustrieren. In der Thermodynamik gibt es ein weiteres wichtiges Gesetz. Dieses besagt, dass im Universum die Menge an Energie konstant ist. Immer gleich. Sie wird nicht zerstört oder hergestellt. Sie wird allerhöchstens umgewandelt. Wenn auf einer Waage links 50 weiße und rechts 50 schwarze Murmeln liegen, dann kann ich alle weißen nach rechts bringen. Aber nur, wenn ich dafür alle schwarzen nach links bringe. Niemals kann ich eine Murmel aus dem Gleichgewicht entfernen. Und so ist es auch im Alltag, natürlich viel komplexer. Damit die Menschen über den Marktplatz laufen können, müssen Sie essen und dieses in ihrem Körper verbrennen. Damit der Kunde die Banane mitnehmen kann, muss er sie bezahlen. Damit er sie bezahlen kann, tauscht er Geld gegen Zeit. Egal wo wir hinschauen, jede Bewegung von Materie wird durch einen ausgleichenden Gegenfluss begleitet.

Wir können also ständig einen Fluss an Materie beobachten. Und anscheinend wird diese Bewegung dadurch angetrieben, dass Energie umgesetzt wird. Manche Dinge fahren auch bergauf, so wie eine Seilbahn. Aber das geht eben nur, weil dafür woanders wieder Energie umgesetzt wird, nämlich im Kraftwerk. Egal wie wir es drehen und wenden, wenn etwas auf dieser Welt passiert, wird dabei Energie verwendet.

Warum rede ich ständig über Energie und Physik, wenn ich doch eigentlich über eine Lebenseinstellung schreiben will? Weil ich für mich entdeckt habe, dass es miteinander zusammenhängt. Lassen wir uns nochmal den 2. Grundsatz der Thermodynamik auf der Zunge zergehen: Eine chemische Reaktion, kann nur spontan ablaufen, wenn dadurch das Universum etwas chaotischer wird. Wenn wir das weiterdenken, läuft es darauf hinaus, dass irgendwann alles was jetzt ist, im Chaos untergeht. Es läuft darauf hinaus, dass alle Ordnung zerstört wird. Wir sehen dieses Kraft auch im Alltag. Unordnung entsteht von allein! Ordnung halten kostet Energie. Banal und doch sehr wichtig. ALLES vergeht –  früher oder später wird alles zerstört.

Wir können also festhalten, dass unsere Welt angetrieben wird durch das Streben zum Chaos. Dabei wird Energie umgesetzt, die Materie bewegt. Wir sehen das täglich, ja wir SIND diese Materie, die bewegt wird. Dabei fließt alles von hoch zu niedrig, und es wird dabei auch ein Gegenstrom in Bewegung gesetzt. Unsere Welt besteht nur aus Flüssen.

Leben nutzt Sonnenenergie im Kampf gegen das Chaos

Sieht so aus, als wäre unsere Welt ein recht unherzlicher Ort. Wie kann sich das Leben dort eigentlich behaupten? Irgendwie scheint es das sehr gut hinzubekommen, denn, wenn ich mich umschaue, sehe ich Leben überall. Die Bäume und Sträucher sind ja nicht zu übersehen. Die Vögel höre und sehe ich ständig. Überall wimmelt es nur so von Tieren und Pflanzen. Und sie besetzen viele verschiedene Nischen an allen möglichen Orten der Erde. Vom der Tiefsee, neben unterirdischen Vulkanen bis zur Antarktis. Nur eines haben alle Lebewesen gemein: Sie sind in der Lage zur Autopoiesis: die Fähigkeit, sich selbst zu erhalten und zu reproduzieren. Und was brauchen Sie dazu? Richtig, Energie. Alles Leben wendet Energie auf, um sich selbst zu erhalten und zu reproduzieren.

Wir Menschen essen zu diesem Zweck und da sind wir gar nicht so wählerisch. Wir essen Pflanzen und andere Tiere, welche es uns wiederum gleichtun. Unter den Pflanzen sieht es ähnlich aus – manche Pflanzen essen Tiere, oder saugen andere Pflanzen aus. Aber der Großteil der Pflanzen bezieht Energie von der Sonne. Pflanzen, und einige Bakterien, sind die einzigen Lebewesen die Sonnenenergie direkt nutzen können. Pflanzen nutzen das Sonnenlicht um aus „niederenergetischen“ Verbindungen, CO2 und Wasser“, „höherenergetische“ Verbindungen herzustellen. Nämlich Zucker. Diesen Zucker verbrennen sie wiederum selbst um all die anderen Prozesse anzutreiben. Und wir wiederum, essen Pflanzen und nutzen also indirekt auch nur Sonnenlicht. Jedes Lebewesen auf dem Planeten lebt, direkt oder indirekt, von der Sonne.

Wir können also von einem Fluss der Energie sprechen, von der Sonne über die Pflanzen und Tiere bis hin zu Bakterien. Weizen bindet Sonnenenergie und nutzt sie zur Vermehrung, der Mensch ißt Weizen in Form von Brot und scheidet den Rest aus. Dieser Rest enthält immer noch viel Energie, den Würmer und Fliegen verwerten. Und danach bleibt auch für Bakterien noch etwas übrig. Jedes Tier zweigt etwas vom Fluss der Sonnenenergie ab.

Wofür nutzen Lebewesen nun diese Energie? Um sich dem Chaos entgegen zu stellen, zumindest für einen Augenblick. Diese Energie wird genutzt um Materie zu bewegen und umzuwandeln. Also konkret, ein Mensch wird aus vielen Äpfeln, Broten, Fleisch und Wasser über 13-15 Jahre hinweg geformt. Dazu müssen Moleküle bewegt werden, zerbrochen und wiederaufgebaut werden. Chemische Reaktionen müssen in Gang gebracht oder beendet werden. Zellen, Gewebe und Organe müssen aufgebaut und aufrechterhalten werden. Das ist viel Arbeit und sie muss gegen die Einflüsse des „Chaos“ verrichtet werden, dass ja kontinuierlich versucht Unordnung zu stiften. Weil sich wiederholt Fehler einschleichen und eine Reparatur irgendwann nicht mehr wirtschaftlich ist, reproduziert sich das Leben. Es erstellt einen Abkömmling, frisch und ohne Fehler, der wieder von vorne anfängt. Und so nutzt das Leben Sonnenenergie um sich immerwährend gegen das Chaos zu stellen.

Das gute Leben entsteht durch Fluss

Das Leben ist ein dynamisches Gleichgewicht

Das Leben ist ständig in Bewegung, weil die Welt ständig in Bewegung ist. Jeden Augenblick strahlt Sonnenenergie auf die Erdoberfläche (Referenz). Dadurch wird Materie bewegt und chemische Reaktionen angetrieben. Ohne Pause, aber auch nicht gleichmäßig. Mal ist die Sonne heißer, mal etwas kühler. Die Sonne folgt dem Muster der Welle, und dieses Muster sehen wir überall. Die Welle liegt allen Phänomenen zu Grunde (hier mehr dazu). Die Welle, oder das Pendel, wechseln immer wieder von einem Zustand zum anderen und zurück. Hoch und runter. Auch das sehen wir in unserer Welt überall. Hunger – satt – Hunger- satt etc…. Aus diesem Wechsel folgt zwangsläufig, dass alles zwischen viel und wenig schwankt, zwischen Mangel und Überfluss.

Wir können unsere Welt stark vereinfacht betrachten; dann besteht sie eigentlich nur aus Behältern und den Verbindungen dazwischen. Ein See ist ein Behältnis. Der Tank eines Autos. Eine Flasche Wasser. Oder dass Fett an unserem Bauch. Jedes Behältnis hat einen Zufluss, der es auffüllt und einen Ablauf, der es leert. Je nachdem, ob Zulauf oder Ablauf dominieren, füllt oder leert sich das Behältnis. Wenn Ablauf und Zulauf gleich sind, ändert sich auch die Befüllung des Behältnisses nicht.

Ab wann wir von einem Mangel oder einem Überfluss reden, lässt sich nicht absolut bestimmen. Wenn ich das Fett an meinem Bauch betrachte, weiß ich noch nicht ob es zu viel oder zu wenig ist. Erst wenn ich den Rest meines Körpers, oder mein Leben, dazu in Beziehung setze, kann ich sagen, ob ich einen Überschuss habe, oder einen Mangel. Wenn ich mich unbeweglich fühle oder meine Blutwerte schlecht sind, könnte es ein Überfluss sein. (momentan definitiv der Fall). Wenn es gerade nichts zu essen gibt, könnte es ev. sogar genau richtig sein. Aber wenn ich meine Rippen sehe und ich mich schwach fühle, könnte es eventuell auf einen Mangel hindeuten. Wir, als Menschen, können nur subjektiv Mangel und Überfluss bestimmen – je nach Zielstellung und Umgebung.

Allen Dingen liegt die Welle zu Grunde und die Welt besteht quasi aus Behältern. Das heißt, dass jeden Tag, jede Stunde, jede Minute Mängel und Überflüsse entstehen. Der Wasserstand eines Sees schwankt, je nachdem ob es regnet oder heiß ist. Je nachdem ob wir viel essen und uns wenig bewegen oder hungern und uns anstrengen, schwangt unser Bauchfett. Das ist klar. Aber das gilt für alles, jeden Moment. Wir müssen uns mit dem Gedanken anfreunden, dass nichts permanent ist. Jeden Tag kann sich der Füllstand eines Behälters ändern. Das Leben ist ein Pendel zwischen Mangel und Überfluss. Gleichgewicht ist immer nur partiell und sehr kurz.

Kurz gesagt, ist das Leben ein Fluss an Energie und Materie zwischen unendlichen Behältern. Der Füllstand schwankt zwischen Mangel und Überfluss. Selbst wenn ein Behältnis stabil gefüllt erscheint, kann es starken Zu- und Abfluss geben. Mangel und Überfluss entstehen jeden Tag. Das Leben ist ein dynamisches Gleichgewicht.

Flüsse kann man umlenken, vergrößern und nutzen

Wir Menschen können Flüsse umlenken und davon profitieren. Wortwörtlich war die Erfindung der Wasserkanäle ein Durchbruch für die Landwirtschaft und damit ging eine Explosion der Erträge einher. Simpel und doch genial. Wir zapften ein Reservoir, zB einen See an (Überfluss) und lenkten das Wasser zu unseren Feldern, wo die Pflanzen dringend Wasser brauchten (Mangel). Und Wasser ist nicht das einzige was wir umlenken können. Wir können auch einen Fluss an Steinen „anzapfen“, indem wir uns Menschen oder Maschinen bedienen, die diese Steine im Bruch abbauen (Überfluss) und zur Baustelle transportieren (Mangel). Oder wir zapfen die Fähigkeiten eines Kochs an (Überfluss), indem wir ihn einladen einen Workshop abzuhalten, damit wir auch endlich die leckeren Gerichte alleine kochen können (Mangel). Wir Menschen können zwischen Überfluss und Mangel einen Kanal bauen, Ausgleich herstellen und somit Dinge für unseren Zweck nutzen.

Alles also ganz einfach. Überfluss anzapfen und zum Mangel leiten. Eigentlich. Denn das „anzapfen“ bedeutet, im Falle der Wasserkanäle, dass wir erstmal Kanäle graben müssen. Wir müssen sie so tief graben, dass das Wasser auch von alleine zu unseren Feldern fließt. Das bedeutet also Arbeit. Wollen wir Steine abbauen, müssen wir erst Menschen bezahlen oder Maschinen kaufen. Ebenso müssen wir den Koch bezahlen, der uns kochen beibringt. Um also einen Fluss entstehen zu lassen, müssen wir erst Energie aufwenden (Investieren).

Wenn wir Arbeit verrichten, um einen neuen Fluss zu etablieren, dann brauchen wir Energie. Im Alltag ist unsere einfachste Energiequelle unsere Nahrung. Also auch wieder ein Fluss. Das heißt, wir nutzen Flüsse um neue Flüsse zu etablieren. Wir essen wilde Beeren und jagen Kleintiere, damit wir Energie haben um Kanäle zu graben. Mit dem Wasser aus dem See, dass wir mit den Kanälen zu unseren Feldern leiten, lassen wir mehr Nahrung wachsen. Wir haben mehr Energie, um größere Felder zu bestellen und auch noch Steine abzubauen. Eine Aufwärtsspirale entsteht. Wenn wir also geschickt Flüsse erstellen, können wir mit der Zeit immer mehr Reservoire anzapfen und damit unsere Möglichkeiten immer weiter vergrößern.

Denken wir nochmal kurz an das Beispiel mit der Waage und den Murmeln aus dem Abschnitt „Unsere Welt besteht aus Energiefluss“. Wir können keine Murmel von der Waage nehmen, wir können nur ihre Farbe ändern. Legten wir eine Murmel von links nach rechts, so wanderte automatisch zum Ausgleich eine von rechts nach links. Ähnlich im Beispiel des Sees. Das Wasser aus dem See fließt auf unsere Felder, wird durch die Pflanzen aufgenommen und verwertet. Ein Teil geht in die Früchte ein, ein Teil verdunstet. Und regnet als Wasser wieder in den See herab. Und genau das passiert überall und ständig in unserer Umwelt. Zu jedem Fluss, gibt es einen Gegenfluss.

Durch Flüsse entsteht Reichtum

Was hat das nun mit unserem alltäglichen Leben zu tun? Alles! Jeden Tag mangelt es Menschen an Ressourcen, damit sie sich gut fühlen. Damit sie satt werden, damit sie sich eine Behausung bauen können, damit sie sich gesund halten können oder damit sie sich sicher fühlen. Auf sozialer Ebene fehlt es Menschen an Ressourcen sich um ihre Kinder und Familien zu kümmern, ihren Freunden zu helfen, ihren Kollegen oder ihren Gemeinden. Gleichzeitig erfahren alle Menschen täglich Überfluss. In der westlichen Welt einen Überfluss an Kalorien, oder einen Überfluss an Aufgaben, an Stress. Manche haben auch einen Überfluss an Geld oder materiellen Dingen. Dieser Mangel bzw. Überfluss kann darauf beruhen, dass man zu wenig erhält oder zu viel abfließt, bzw. umgekehrt. Jeden Tag muss jeder Mensch sich erneut darum kümmern Überfluss zu Mangel zu kanalisieren, und sei es nur Hunger zu stillen. Jedes Problem eines Menschen beruht auf einem Mangel oder Überfluss oder einer Kombination beider

Was wiegt denn nun schwerer? Ein Überfluss oder ein Mangel? Sowohl ein Zuviel an etwas, zB. Tödliche Bakterien im Körper, kann gefährlich sein, also auch ein Mangel, zB zu wenig weiße Blutzellen. Die Antwort könnte der „negativity bias“ oder Negativitätseffekt sein. Für uns wiegen negative Gefühle und Verlust 3-6x schwerer als positive Gefühle oder Gewinn. Ein Mangel an Nährstoffen führt zwangsläufig irgendwann zum Tod während ein Überfluss ab einem gewissen Grad keinen Nutzen mehr bringt. Mangel wiegt schwerer als Überfluss.

Der Mensch hat zwei große Stärken. Seinen Daumen, der ihm ermöglichte filigrane Werkzeuge herzustellen und seine Fähigkeit zur Kooperation. Der einzelne Mensch ist wehrlos und verloren, aber in der Gruppe sind wir unschlagbar. Wir haben einen Mechanismus einprogrammiert, der uns förmlich zwingt auf Kooperation mit Kooperation zu antworten. Das Fachwort ist Reziprozität. Der Volksmund kennt zahlreiche Sprichworte, die dieses Prinzip verbalisieren. „Eine Hand wäscht die Andere“ „Es ist ein Geben und Nehmen“ etc.. Die Anfänge sind sicherlich in unserer Vergangenheit als Kleingruppentiere zu suchen. Wer Ressourcen in die Gruppe beisteuert, wird dafür mit Status, also Zugang zu Ressourcen und Sexualpartnern, belohnt. Das Gleiche gilt heute immer noch. Wer anderen etwas gibt, wird dafür belohnt. Und wofür erhalten wir die größte „Belohnung“? Ganz einfach – je größer der Mangel ist, den wir für einen anderen Menschen ausgleichen können, desto großer wird der Dank sein, der uns entgegengebracht wird. Oder allgemein: Wer Menschen näher an ein nächstes Gleichgewicht führt, erfährt Dank.

Es ist also sehr einfach: Wenn ich in meinem Umfeld nach dem größten Mangel suche, habe ich die Chance das Leben eines anderen Menschen deutlich besser zu machen und dafür Dank zu erhalten. In diesem Zusammenhang kann man Dank auch Schuld nennen. Wir alle kennen das Gefühl, dass wir jemandem, der uns geholfen hat, ohne direkt etwas dafür zu verlangen, „etwas schuldig“ sind. Durch das Ausgleichen von Mängeln kann man Dank und Schuld erhalten, was sich direkt in das Erhalten von Ressourcen übersetzt. Aber nicht nur materielle Ressourcen, heutzutage auch Geld. Denn Geld ist nichts Anderes als Dank oder Schuld. Somit ermöglicht der Ausgleich von Mangel mittelbar den Zugriff auf mehr Ressourcen. Dank und Schuld ermöglichen Zugriff auf mehr Fluss.

Zusammengefasst behaupte ich, dass der Ausgleich von Mängeln anderer Menschen den Zugriff auf mehr und größere Reservoirs und somit mehr Möglichkeiten bedeutet Fluss zwischen Überfluss und Mangel herzustellen. Wenn ich einen Fluss herstelle, kann ich eventuell selber direkt von diesem Fluss profitieren, zB indem ich etwas Wasser für mich abzweige und gleichzeitig am Gegenfluss teilhaben, zB. durch Dank oder Geld. Somit trete ich irgendwann in eine positive Aufwärtsspirale ein, denn je mehr Fluss ich kontrolliere, desto mehr Fluss kann ich herstellen. Keiner von uns kann etwas mit ins Grab nehmen. Deshalb ist wahrer “Reichtum” eigentlich der Zugriff auf viele Reservoirs, um Mängel verschiedenster Art zu füllen. Wer die Mängel der Menschen ausgleicht, baut Reichtum auf.

Doch der wahre Gewinn am Ausgleichen ist nicht Reichtum, sondern das Gefühl der Wirksamkeit. Wir können einen Beitrag zum Glück anderer Menschen leisten und erfahren, dass wir in der Lage sind die Welt zu verändern. Obendrauf erfahren wir (meist) Dankbarkeit, Respekt und steigen im Ansehen der anderen. Nicht immer. Aber die Chancen dafür steigen beträchtlich. Ausgleichen fühlt sich einfach gut an.

Ausgleichen ist immer das Richtige

Aus den obigen Ausführungen folgt für mich, dass Ausgleichen immer das richtige ist, wenn man das eigene Leben besser machen will. Wir können einfach annehmen, dass alle Menschen Egoisten sind, und nur Dinge tun, von denen sie glauben, dass sie davon profitieren. Das ist ok. Aber dank Reziprozität gibt es ein schönes Paradoxon – Wer sein eigenes Leben immer besser machen will, gleicht Mängel bei anderen Menschen aus. Das ist das Einzige worum es im Leben geht. Und wenn ich bei mir selber in einem Moment keinen Mangel erkenne, dann gleiche ich einfach in meinem direktem Umfeld Mängel aus, was mir Zugriff auf mehr Ressourcen ermöglicht. Und wenn ich bei mir einen großen Mangel entdecke, muss ich mich natürlich um diesen zuerst kümmern. Um dann wieder in mein Umfeld zu gehen. Man macht das eigene Leben, und das vieler anderer besser. Wer Ausgleichend wirkt und immer und überall Mängel behebt, tut immer das Richtige.